Montag, 1. Oktober 2012

Wider dem Wissens-Exodus


Erschreckend viele Unternehmen vernachlässigen ihre wichtigste Ressource - das Wissen ihrer Mitarbeiter. Dabei hängt auch der Erfolg der Assekuranz vom Know-how ihrer Mitarbeiter ab. Was kann sie von den "Hidden Champions" lernen?


 
Wenn Wissen Macht ist, ist Unwissen Ohnmacht. So weit das Sprichwort. So weit die Theorie. Bei der Antwort auf die Frage, wie dieses Sprichwort mit Leben gefüllt werden kann, zeigt sich bei vielen Unternehmen die sprichwörtliche Ohnmacht. Zu diesem Befund kam bereits im Jahre 2008 eine Studie der Unternehmensberatung von Studnitz Management Consultants GmbH aus Rendsburg und der Nordakademie aus Elmshorn. 

Das Wissen der Mitarbeiter wird der Studie zufolge weder systematisch erfasst, noch wird es weiter entwickelt und genutzt. Von branchenübergreifend 111 Unternehmen aus ganz Deutschland gaben 76,4 Prozent an, dass sie das Wissen ihrer ausscheidenden Mitarbeiter kaum erfassen. Dass die Unternehmenslenker damit äußerst verschwenderisch mit dem Wissen ihrer Mitarbeiter umgehen, ist ihnen laut der Studie bekannt. 80,1 Prozent der Unternehmen bewerteten die Erfassung ihres Know-how als "verbesserungswürdig" oder "unzureichend". Andererseits: Organisierter Wissenstransfer als zukünftiger Wettbewerbsvorteil - stolze 97 Prozent der Befragten bejahten ein solches Instrument.

Der schwierige Schritt in die Praxis

Sandra Bommersheim kehrt nach drei Jahren Elternzeit wieder zurück ins Berufsleben. Fabian Lehmann freut sich nach fünf arbeitsreichen Jahren in Asien, wieder längere Zeit Heimatluft zu schnuppern. Henriette Schlosser verlässt mit weiteren drei Kolleginnen nach über 30-jähriger Tätigkeit die Vertriebsabteilung "ihrer" Versicherung. Welche Erfahrungen haben diese drei Mitarbeiter innerhalb und außerhalb ihrer Arbeitszeit erlebt? Welche Veränderungen gab es in der Vergangenheit zu bewältigen? Wie sind sie zu Lösungen gekommen? Welche Herausforderungen sehen sie für ihre Branche? 

Wie so oft im Leben: Theorie und Praxis, Wunsch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander. Die Versicherungswirtschaft zählt zu jener Branche, welche von der Ressource Wissen lebt. Sie ist nicht nur auf das Wissen ihrer eigenen Mitarbeiter und ihrer externen, z.B. Gutachter, angewiesen, sondern ebenfalls auf das Wissen ihrer Kunden. Nur so kann sie erfolgreich ihre bestehenden Produkte modifizieren und neue lancieren. Das Kerngeschäft einer jeden Versicherung, nämlich die Übernahme von Risiken, ist unabdingbar mit der Kenntnis verbunden, inwieweit festgelegte oder festzulegende Risiken mit welcher Wahrscheinlichkeit eintreten oder ausbleiben.



"Wissensmanagement ist ein integraler Bestandteil der Wertschätzung." 


Das Kapital Wissen als Wettbewerbsfaktor 

Vier Jahre nach der Studie der Unternehmensberatung von Studnitz Management Consultants GmbH und der Nordakademie scheinen die deutschen Unternehmen nicht recht aus ihrem Dornröschenschlaf gekommen zu sein. "Interessant ist insbesondere vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, dass relativ wenige Unternehmen der Bewahrung von mitarbeitergebundenem Wissen einen hohen Stellenwert zuschreiben", heisst es in einer repräsentativen Unternehmensbefragung der TU Chemnitz

Unter der Leitung von Prof. Dr. Peter Pawlowsky befragte die TU Chemnitz im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) im Zeitraum Mitte August 2010 bis Januar 2011 bundesweit 3401 Unternehmen zum Thema Wissensmanagement. Für die Weitergabe des Erfahrungswissens ausscheidender Mitarbeiter sorgt bloß ein Viertel der befragten Unternehmen. Und lediglich 30 Prozent der Befragten weisen der Studie zufolge der Aufbereitung und Dokumentation von Expertenwissen einen "sehr hohen Stellenwert" zu. 

Dass managen von Wissen zahlt sich aus. Ein "Kernergebnis" der Befragung der TU Chemnitz, schreiben die Studienautoren, "besteht in der Tatsache, dass eine 'wissensorientierte' Unternehmensführung signifikant mit der monetären und nicht monetären Unternehmensleistung zusammenhängt." Im Klartext: Die Studienergebnisse zeigten, dass ein aktives Wissensmanagement "insbesondere sehr stark mit einer hohen Mitarbeitermotivation und einer hohen Innovationsfähigkeit" einhergehe. 

Das Wissensmanagement in der Assekuranz

Trotz dieser lukrativen Aussicht auf überdurchschnittlich zufriedene, gewinnorientiert arbeitende Mitarbeiter zeigt sich in der Assekuranz ein großes Defizit im Bereich des Wissensmanagements. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der in Köln ansässigen Unternehmensberatung Organomics GmbH. Die Studie der Organomics GmbH ist in Kooperation mit Professor Dr. Jörg Felfe von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg entstanden. Wie die Organomics GmbH mitteilt, repräsentiert ihre durchgeführte Untersuchung mit dem Titel "Demographischer Wandel in der Assekuranz" gemessen an der Anzahl der Mitarbeiter mehr als die Hälfte der Angestellten in der deutschen Versicherungswirtschaft. 

Der Studie zufolge sichern nur 17 Prozent der Versicherungsunternehmen planmäßig das Expertenwissen ihrer Mitarbeiter vor deren Pensionierung. Und bei nur 3 Prozent sei der systematische Wissenstransfer zwischen älteren und jüngeren Mitarbeitern umgesetzt. Stehe die Pensionierung der Wissensträger in der Assekuranz an, werde versucht, deren Know-how zu transferieren, also an andere zu übertragen bzw. zu konservieren. "Auffallend ist jedoch", heisst es in der Untersuchung, "dass das Thema Wissensmanagement insgesamt bei den meisten Unternehmen noch mitten in der Umsetzung oder Planung" begriffen sei. 

Ein Grund für die Schwierigkeit bei der Umsetzung des Wissensmanagements in der Assekuranz ist laut der Studie das häufige Scheitern, "den monetären Effekt aller Maßnahmen wie in einem Business Case zu bestimmen." Die Wirkung vieler neuer Maßnahmen sei langfristiger Natur, um kurzfristig greifbare Erfolgszahlen vermelden zu können.

Lernen von den "heimlichen Gewinnern"


Anfang 1996 erscheint im Campus Verlag ein inzwischen vergriffenes populärwissenschaftliches Buch mit über 200 Seiten Umfang. Der Titel: "Die heimlichen Gewinner (Hidden Champions) - Die Erfolgsstrategien unbekannter Weltmarktführer". Der Autor: Herrmann Simon, Gründer der Bonner Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners GmbH. Der damals noch in Klammern verwendete Begriff "Hidden Champions" ist "mittlerweile national wie international zu einem gängigen Schlagwort geworden", so Simon. 

In diesem Werk stellt der in der rheinland-pfälzischen Eifelgemeinde Hasborn geborene Simon, Jahrgang 1947, über 500 kleine und mittlere Unternehmen aus Deutschland vor, welche in ihrem spezifischen Segment einen Großteil der Marktanteile in Europa oder weltweit halten und den Markt federführend antreiben. "Ender der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts prägte ich für diese Firmen den Ausdruck 'Hidden Champions'", berichtet Simon. "Das Wortspiel mit den Gegensätzen "hidden, verborgen, heimlich" einerseits und "Champions, Gewinner, Weltmeister" andererseits trug zum Mythos des Begriffes bei."

Zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung setzt Simon seinen ganz persönlichen Erfolg als Buchautor mit der Publikation der "Hidden Champions des 21. Jahrhunderts" fort. Sein neuestes Werk erschien im vergangenem Monat und trägt den Titel "Hidden Champions - Aufbruch nach Globalia". Mit dieser aktuellen Fortsetzung seiner Hidden Champions-Bücher erweist sich Simon erneut als kreativer Wortschöpfer. Er liefert auf über 400 Seiten eine detailreiche Erklärung für den bewegenden Erfolg über 1500 Weltmarktführer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ab. 



Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Hermann Simon über einige Erfolgsfaktoren der Hidden Champions. Dieses Video wurde in einer koreanischen Fernsehsendung ausgestrahlt.


Bestens gerüstet für "Globalia": Die globale Welt der Zukunft 

Diese global äußerst erfolgreichen Firmen, welche sich "hinter einem Schleier von Unscheinbarkeit, Unsichtbarkeit und teilweise bewusster Verschwiegenheit" versteckten, wie Simon sie in einem seiner Bücher charakterisiert, seien bestens gerüstet für "Globalia": Der global sich stetig verändernden Welt von heute und morgen. "Ihre Überlegenheit haben die Hidden Champions bis dato vielfach unter Beweis gestellt", so Simon. "Die deutschen Mittelständler sind für Globalia, die globalisierte Welt der Zukunft, bestens aufgestellt. Ich bin sehr optimistisch." 

Was nun unterscheidet diese kleinen großen Marktführer von mächtigen Konzernen? Worin liegt ihr Erfolg konkret begründet? Und welche Lehren lassen sich für die Verantwortlichen auch aus der Assekuranz daraus ziehen? "Wir denken nicht in Jahren, sondern in Generationen", zitiert Simon einen Unternehmensvertreter stellvertretend für den Gedanken der Nachhaltigkeit. Die große Innovationskraft "bildet in den meisten Fällen das Fundament, auf dem der Erfolg" dieser Riesenzwerge beruhe. 

Den Herausforderungen mit Wissen begegnen

"Die rechnerisch durchschnittliche Verweildauer von 37 Jahren erscheint abenteuerlich hoch", schreibt Simon über die minimale gegen null tendierende Fluktuationsrate. Damit bleibt die Ressource Wissen dem Unternehmen sehr lange erhalten. "Für den Aufbau und die Erhaltung von hochqualifiziertem Know-how ist nichts wichtiger als eine niedrige Fluktuationsquote - und nichts schädlicher als eine hohe", lehrt Simon. "Das sollten sich alle Unternehmen, die in anspruchsvollen Geschäften tätig sind, ins Stammbuch schreiben." 

Diese wenigen ausgewählten Grundsätze der Hidden Champions verdeutlichen beispielhaft den  bewusst "anderen" Umgang mit ihren Wissensträgern. Am Übergang von der Industrie- in die Informations- und Wissensgesellschaft stehen auch die Wissensträger in der Assekuranz vor vielfältigen Herausforderungen: Welche Bedeutung hat die Alterung der Gesellschaft? Wie ist dem Klimawandel zu begegnen? Wie ändert sich das Kundenverhalten? Das Wissen und der Vorsprung an Wissen beeinflussen so entscheidend nicht nur den Erfolg des gesamten Unternehmens. Das Wissen ist gleichfalls Ausgangspunkt für die ganz persönliche Weiterentwicklung - in allen Lebensbereichen.

Noch mehr Wissensdurst? Neben den im Artikel enthaltenen Links, finden Sie auf folgenden Seiten weitere Informationen:
• Das Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF hält auf ihrer Seite einen ganzen Fundus an wertvollen Informationen zum Thema Wissensmanagement bereit. 
• Anhand einiger Praxisbeispiele gibt Sabine Meinert von der "Financial Times Deutschland" einen kompakten Einblick in die Wissensarbeit: "Wie Wissensarbeit den Job verändert."

Summary in English: Many companies neglect the knowledge management. This is evident from three studies mentioned in the article. In practise the companies need support for their knowledge transfer. The second part of the article presents the author and business consultant Hermann Simon. He wrote in 1996 a book. In this book he presented small business companies from Germany. They are very nameless, but worldwide very successful in their field. Today, they are under the name "Hidden Champions" announced. (ucy)